Corona-Folgen: Haben Kinos eine Zukunft?

Streamingdienste mit Umsatzrekorden, Kinobetreiber kämpfen

Während Streamingdienste Umsatzrekorde feiern, kämpfen Kinobetreiber mit der zu geringen Auslastung ihrer Säle. Damit die Branche überlebt, muss sie sich wandeln.

21.08.2021

Von Igor Steinle

Die Kinos haben wieder geöffnet. Vielerorts jedoch mit zu strengen Auflagen, klagen die Betreiber. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Einen Franc betrug der Eintritt, als am 28. Dezember 1895 die erste öffentliche Filmvorführung der Welt im Pariser Grand Café stattfand. Zehn Kurzfilme von zusammen rund 20 Minuten Länge führten die Gebrüder Lumière, Fotoindustrielle aus Lyon, damals mit dem von ihnen erfundenen Kinematographen vor. Seitdem ist aus dem Kino eine weltweite Multimilliarden-Branche geworden – die im 125. Jahr ihres Bestehens ihre wohl schwerste Krise erlebt. Egal ob groß oder klein, die Existenzangst bei vielen Lichtspielhäusern ist groß. Multiplex-Kinos wie der Stuttgarter Ufa-Palast mussten in der Pandemie ebenso Insolvenz anmelden wie das Berliner Traditionshaus „Colosseum“. Auf mehr als eine Milliarde Euro beziffert die Branche den Schaden, den die Kinos wegen Schließungen und strengen Auflagen bisher haben.

Nun sind die Kinos seit dem 1. Juli wieder geöffnet. Vielerorts seien die Besucherzahlen seitdem „durchaus erfreulich“, sagt Anke Römer dieser Zeitung. Römer ist stellvertretender Vorstand beim Hauptverband Deutscher Filmtheater (HDF Kino), ihre Organisation vertritt fast 800 Kinos in Deutschland, sowohl große Ketten als auch kleine Betriebe. Sie hat deswegen einen ganz guten Überblick, wie die Häuser sich schlagen. Ihr Fazit: Je mehr Auflagen, desto weniger Besucher. „Es hat sich im Vergleich von Bundesländern mit und ohne 3G-Regelung herausgestellt, dass die 3G-Regelung eine Hemmschwelle für die Besucher darstellt“, so Römer. Kinos in Bundesländern, in denen ein Impf-, Test-, oder Genesungsnachweis vorgezeigt werden müsse, würden aktuell ein Besucherminus von bis zu 50 Prozent verzeichnen. Für viele Lichtspielhäuser bedeutet das: Sie machen nach eineinhalb Jahren Pandemie trotz Öffnungen nach wie vor Verluste. Zudem gilt in einigen Bundesländern zusätzlich zu 3G auch noch die Abstandsregel von 1,5 Metern. „Das bedeutet gerade mal Auslastungen von 25 bis 30 Prozent“, sagt Römer.

„Beispielloses Kinosterben“ prophezeit

Schon im Herbst prophezeiten bayerische Kinobetreiber ein „beispielloses Kinosterben“, sollten die Auflagen nicht abgemildert werden. Nun warnt auch Römer: „So ein Ausmaß an Beschränkungen und zusätzlichem Personalaufwand könnten die Kinos dann tatsächlich nicht lange weiter wirtschaftlich verkraften.“ Sie schlägt vor, dass die Länder zumindest einer einheitlichen Anhebung der Kapazitäten auf mindestens 50 Prozent zustimmen, was einen freien Platz neben einem belegten bedeuten würde.

Kommt nämlich nicht ausreichend Publikum, geraten die Kinos in einen Teufelskreis: Verdienen Filmverleiher bei Kinovorführungen nicht genug Geld, schicken sie keine neuen Filme. Kommen keine neuen Filme, kommt kein Publikum. Ein schneller Ausweg aus dem Dilemma ist nicht in Sicht: Von 40 bis 60 Prozent weniger Kasseneinnahmen in den kommenden Jahren geht etwa der Chef der Produktionsfirma Constantin, Martin Moszkowicz, aus.

Dabei pochen die Filmvorführer darauf, dass sie erwiesenermaßen keine Infektionstreiber seien. So ist die Aerosolkonzentration laut einer Untersuchung der Technischen Universität Berlin in Kinosälen meist niedriger als in Büroräumen, was hauptsächlich daran liegt, dass im Kino (bestenfalls) nicht gequatscht wird und die Säle zudem oft über effektive Belüftungssysteme verfügten.

Doch zur Wahrheit gehört auch, dass das Kino schon vor Corona unter Druck stand. Grund sind die Streamingdienste. Während die einen im Kampf gegen die Pandemie schließen mussten, floriert bei Netflix, Amazon Prime Video und Disney Plus das Geschäft. Noch gefährlicher: Immer mehr Verleiher zeigen ihre Filme inzwischen nicht mehr zunächst exklusiv im Kino, sondern auch bei den Streamingriesen, was teilweise zu Boykottaktionen führt, wie aktuell im Falle des Blockbusters „Black Widow“, den die Kinokette Kinopolis, die Multiplex-Kinos in mehreren Städten betreibt, nicht zeigen will.

Hat das Kino im Streaming nun also seinen ultimativen Endgegner gefunden? Römer winkt ab – das Kino sei schon oft totgesagt worden, etwa in den 1950ern, als das Fernsehen aufkam, oder in den 80ern aufgrund der Videokassette.

Boykott alleine wird wenig bringen

Dass die jetzige Herausforderung aus Pandemie und Streamingkonkurrenz mit Boykott alleine aber wohl nicht zu meistern ist, scheint auch der Branche klar. Römer verweist auf Sonderveranstaltungen, alternative Inhalte und Events, mit denen das Kino die Menschen zukünftig verstärkt locken muss. In manchen Häusern etwa werden Wein und Häppchen am Platz gereicht, andere zeigen nicht nur Neuerscheinungen, sondern auch Klassiker. Und ohne Hilfe von der Politik werde es wohl wie beim Theater auch nicht gehen.

Zunächst aber ruhen die Hoffnungen der Filmvorführer auf dem neuen James-Bond-Film, der Ende September starten soll – und bei dem die Verleiher gegenüber den Streamingdiensten bisher standhaft geblieben sind. Der Titel „Keine Zeit zu sterben“ klingt schon mal vielversprechend.

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Erstellt:
21. August 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
21. August 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 21. August 2021, 06:00 Uhr

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