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Keine Beweise für Bandendiebstahl gegen Mitglieder einer rumänischen Großfamilie
Symbolbild: Hugo Berties - fotolia.com
Ermittlergruppe lieferte schlampige Ergebnisse

Keine Beweise für Bandendiebstahl gegen Mitglieder einer rumänischen Großfamilie

Zum Prozessauftakt Angang November gegen sieben rumänische Staatsangehörige, von denen sechs in verwandtschaftlichen Beziehungen zueinander stehen, schien es noch, als sei den Ermittlern ein Coup gegen eine Bande gelungen, die in großem Stil Einbrüche und Diebstähle begangen hatte. Jetzt wurde einer frei gesprochen, die anderen erhielten Bewährungsstrafen.

28.11.2016
  • Stephan Gokeler

Den Angeklagten, die im Zeitraum der Taten zwischen Sommer 2015 und Februar 2016 in Engstingen wohnten, wurden Einbrüche in Einfamilienhäuser in Engstingen und Erpfingen ebenso zur Last gelegt wie Diebstähle in Einkaufsmärkten in Bad Buchau, Tübingen, Reutlingen, Lichtenstein, St. Georgen und Engstingen, in der C&A-Filiale Reutlingen sowie in einem Metzinger Outlet und Baumarkt, in einer Reutlinger Bijouterie und in einem Drogeriemarkt in Villingen-Schwenningen.

Am Freitag, dem letzten von vier Verhandlungstagen vor dem Reutlinger Amtsgericht, wurde allerdings deutlich, dass wohl nur ein Bruchteil der Vorwürfe übrigbleiben würden. Zwar gab es in vielen Fällen Verdachtsmomente, die sich gegen die Angeklagten in wechselnder Kombination richteten. Als Zeugen befragte Polizeibeamte mussten aber immer wieder passen, wenn es konkrete Nachfragen zur Zuordnung von Taten zu einzelnen Angeklagten gab. Dabei war bei der Polizei eigens eine Ermittlungsgruppe gebildet worden, ein Mobiles Einsatzkommando hatte die Verdächtigen mittels Videoaufnahmen und anderer technischer Mittel über einen längeren Zeitraum hinweg beobachtet. Doch in den Unterlagen, die der Anklage zugrunde lagen, fehlten wichtige Dokumente, die Auswertung von Videoüberwachungen war mangelhaft und die Schlussfolgerungen der Ermittler aus ihren Erkenntnissen schienen teils recht gewagt.

So diente als Indiz für die Beteiligung an den beiden Wohnungseinbrüchen, die am selben Tag begangen wurden, lediglich die mit technischen Mittel gewonnene Erkenntnis, dass sich ein von der Familie genutztes Auto in der Nähe der Tatorte aufgehalten habe – allerdings nur rund zehn Minuten.

Dass in diesem Zeitraum sämtliche Zimmer in zwei verschiedenen Häusern komplett durchwühlt worden sein sollten, erschien nicht nur Richter Eberhard Hausch zweifelhaft. Auch Staatsanwältin Edith Zug ließ diesen Anklagepunkt fallen und beschwerte sich, dass die Ermittler schlechte Ergebnisse geliefert hätten und sie viele Informationen erst auf Nachfrage oder gar nicht erhalten habe. Ihr Fazit: „Das Verfahren ist bescheuert gelaufen.“ Hausch ging in seiner Kritik an der Ermittlungsarbeit noch weiter und fragte eine Reutlinger Kripo-Beamtin, ob sie es eigentlich für rechtsstaatlich in Ordnung halte, dass die Polizei die Verdächtigen bei einzelnen Diebstählen überwacht habe, sie aber quasi „unter Aufsicht“ weiter habe gewähren lassen.

Die Angeklagten räumten am Ende der Beweisaufnahme lediglich die Taten ein, die ihnen mittels Videoüberwachung eindeutig nachgewiesen werden konnten. Dabei handelte es sich um Diebstähle von Erdnüssen, Wurst oder Süßigkeiten in Aldi-Märkten. An schwerwiegenderen Vorwürfen blieben der Diebstahl zweier Bohrhämmer in einem Toom-Markt übrig, bei dem ein Ladendetektiv leicht verletzt worden war, sowie drei Kurierfahrten, bei denen gestohlene Spirituosen im Wert von knapp 2000 Euro an Bord waren. Der Diebstahl dieser Waren selbst wird allerdings einem weiteren Schwager der Familie zur Last gelegt, der flüchtig ist.

In ihrem Plädoyer blieb Staatsanwältin Zug trotz der dünnen Beweislage beim Vorwurf des schweren Bandendiebstahls. Sie forderte Strafen zwischen drei Jahren Haft und 900 Euro Geldstrafe für die Angeklagten, die teilweise bereits einschlägige Vorstrafen aufwiesen. Die Verteidiger sahen die Kriterien für eine Bandenbildung mit einer klaren Struktur und einem Bandenchef nicht als erfüllt an. Sie plädierten auf Freisprüche, Geldstrafen in minderschweren Fällen und in zwei Fällen für Freiheitstrafen von sechs Monaten beziehungsweise „unter einem Jahr“.

Das Gericht, bestehend aus Richter Hausch und zwei Schöffen, sah ebenfalls keine Bande im juristischen Sinne am Werk. Es sprach einen Angeklagten frei und verurteilte fünf Familienmitglieder wegen „überwiegend gewerbsmäßigem Diebstahl in besonders schweren Fällen“ zu Strafen zwischen drei und 15 Monaten auf Bewährung, verbunden mit Auflagen für gemeinnützige Arbeit zwischen 50 und 100 Stunden.

Ein Angeklagter, der nicht zur Familie gehört und den Bohrhämmer-Diebstahl im Baumarkt begangen hat, wurde zu einem Jahr und sechs Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt. Er sitzt derzeit bereits wegen anderer Diebstähle eine Haftstrafe ab.

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28.11.2016, 01:00 Uhr

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