Horb · Bildung

Losgelöstes Lernen erst 2021

Die Freie Alternativschule Horb soll ein Jahr später öffnen als geplant. Der Initiator ist dennoch optimistisch und sieht im Corona-Lockdown eine Chance.

18.07.2020

Von Mathias Huckert

Selbstbestimmtes Lernen mit Würde soll in der geplanten Alternativschule ein Schwerpunkt sein. Symbolbild: Karl-Heinz Kuball

Keine Räumlichkeiten, keine Sponsoren – und das Konzept liegt noch immer nicht auf einem Schreibtisch in Karlsruhe. Die Fakten sprechen nicht für eine baldige Öffnung der Freien Alternativschule Horb (FASH), die von ihren Initiatoren Dietmar Urban, Dennis Pallentin und Tilly Laaser bereits seit mehr als einem Jahr angestrebt wird. Im Gespräch mit unserer Zeitung macht Urban jetzt klar: Es wird nichts mit der Öffnung im bevorstehenden Schuljahr, man wolle frühestens in einem Jahr – also zum Schuljahr 2021/2022 – öffnen. Die noch immer bestehende Pandemie des Coronavirus habe damit „nur indirekt“ zu tun. Sand hatte das Projekt schon vorher im Getriebe: Die Horber Gremien versprachen ihre Rückendeckung, nachdem Urban mit dem Projekt im vergangenen Herbst vorstellig wurde.

Danach herrschte laut dem Initiator „Sendepause“. Urban vermutet Skepsis bei der Verwaltung, weil noch keine Lehrpersonen an Bord sind und er auch keinen Schulstandort präsentieren konnte.

Gründer gegen Maskenpflicht

Darauf angesprochen entgegnet die Stadtverwaltung, dass Urban seinerzeit zugesagt habe, eine vergleichbare Schule in der Umgebung zu suchen, damit sich der Kultur- und Sozialausschuss ein besseres Bild vom Schulkonzept machen könne. Geschehen ist das bisher noch nicht: „Darauf warten wir“, sagt Inge Weber, als Pressesprecherin der Stadtverwaltung. Ob die Stadt weiter zu dem Projekt steht, ist aus einem anderen Grund fraglich: Zuletzt sorgte Urban als Vertreter der Gruppe „Grundrechte Nordschwarzwald“ für Gesprächsstoff: Zunächst machte man sich anfang des Monats vor dem Sebastian-Lotzer-Haus für das Freiheitsrecht stark, am gestrigen Freitag demonstrierte die Gruppe gegen die Maskenpflicht.

Urban sieht seine Präsenz bei diesen Aktionen nicht als Problem, wenn es um die Schulgründung geht: „Es hat eher den umgekehrten Einfluss.“

Das sieht Frercks Hartwig anders. Der Tennistrainer und Pädagoge aus Dettingen spricht sich für das allgemeine Konzept der Schule aus, gibt im Falle von Dietmar Urban aber zu Bedenken: „Leider gibt es da immer wieder Verknüpfungen zwischen der alternativen Szene und Verschwörungstheoretikern.“

Bei der Finanzierung der Alternativschule gibt es Probleme: Es braucht Sponsoren, denn in den ersten vier Jahren gäbe es nach Genehmigung des Regierungspräsidiums keine Unterstützung vom Land. Urban rechnet mit 120000 Euro an jährlichen Ausgaben und will die Schulgebühren möglichst gering halten, etwa auf aktuellem Kita-Niveau. Das Schulgeld liege dann bei 150 Euro im Monat.

Fischer wollte kein Sponsor sein

Um das zu erreichen, sind Unterstützer nötig. Urban hoffte auf einen großen Namen: Fischer Automotive Systems. Doch nach einem Gespräch mit dem Leiter der Unternehmenskommunikation sprang die Horber Sparte des Dübelherstellers ab. Man unterstütze in der Umgebung schon viele soziale Projekte. Das war bereits vor der Pandemie der Fall. Jetzt, so Urban, „sei die Luft raus“ aus dem Schulprojekt. Zwar läge die FASH nicht auf Eis, aber die Umsetzung pausiere momentan. Am Konzept liege es nicht: 100 Seiten umfasst das inzwischen, es müsse „noch aufgehübscht werden“, so Urban. Er spricht von wenigen weiteren Arbeitsstunden – bis Herbst waren bereits mehr als 350 in das Konzept geflossen – dann könnte das Regierungspräsidium über die Schule entscheiden. Ein Sprecher des Bundesverbands der Freien Alternativschulen sagt hingegen: „Die Genehmigung kommt auf das Konzept an. Wenn aber kein Standort da ist, kann zunächst nichts genehmigt werden.“

Lorenz Obleser ist seit 2009 Schulleiter der Freien Grundschule Christophine in Marbach am Neckar. Er räumt den Horbern bessere Chancen ein als der Bundesververband: „Die Bewilligung ist mit Geduld verbunden. Im Blick auf den Zeitraum könnte man die Genehmigung in Horb riskieren.“

Bevor die Genehmigung da ist, könnte sich laut Urban auch eine kurzfristige Lösung finden, zu der ihn Baden-Württembergs Bildungsministerin Susanne Eisenmann inspirierte. Sie äußerte wegen der Pandemie eine Idee zur Aufhebung der Schulpräsenzpflicht im kommenden Jahr. Eltern, die ihre Kinder nicht zum Präsenzunterricht schicken wollen, müssen das nur formlos melden. Diese Maßnahme wurde von Doro Moritz, der Landesvorsitzenden der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), als „riskant und falsch“ bezeichnet.

Aufhebung könnte Lösung bringen

Dietmar Urban sieht darin die Chance, die bürokratische Hürden der Schulgründung zu umgehen. Erfahrung mit den vergangenen, unterrichtsfreien Monaten beschreibt er positiv: „Viele, die ich kenne, sprechen als Familie von der besten Zeit, die sie je hatten.“ Sollte es künftig keine Präsenzpflicht mehr geben, könnten sich Eltern zusammentun und Gruppen von maximal zehn Kindern unterrichten. Das wäre eine Zwischenlösung – bis Horb dann vielleicht seine Alternativschule bekommt.

Dietmar UrbanBild: Kuball

Schule ohne Hausaufgaben

An der FASH sollen die Schüler von Lehrern, Lernbegleitern, Eltern und Ehrenämtlern lernen. Auf Noten und Hausaufgaben wird verzichtet, stattdessen steht die Achtung der Würde in allen Bereichen im Vordergrund.

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Erstellt:
18. Juli 2020, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
18. Juli 2020, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 18. Juli 2020, 01:00 Uhr

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