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„Tut mir leid, aber das ist ein Befehl“
Musikalisch begleitet von Michael Grüber (hinten, am Keyboard) sangen die mehr als 70 Besucher, darunter Oberbürgermeister Peter Rosenberger (ganz rechts), das Edith-Stein-Lied „Erhör, oh Gott, mein Flehen“. Bild: Zerhusen
Gedenkfeier

„Tut mir leid, aber das ist ein Befehl“

Erstmals in Horb, im Museum Jüdischer Betsaal, gedachten am Mittwoch mehr als 70 Bürger dieser Anfänge des großen Mordens.

11.11.2016
  • Michael Zerhusen

Im Rabbinat Horb wurden am 9. und 10. November 1938 die Synagogen in Rexingen, Mühringen, Baisingen und der Betsaal in Horb verwüstet, außerdem wurden 34 Männer ins KZ Dachau verschleppt.

„Auto-Taxifahrt nach Horb, zerstörtes Haus, Frauen angstvoll, wir bringen sie nach Stuttgart. Opa im Gefängnis Horb, später Dachau“ – so fasste Franz Staudacher, der nichtjüdische Ehemann der Horberin Else Stern, im Herbst 1939 seine Erinnerungen an das November-Pogrom von 1938 zusammen, „um später zu wissen, wie es war und warum alles so war“. Darum ging es auch am vergangenen Mittwoch, als rund 70 Frauen und Männer im Museum Jüdischer Betsaal der Geschehnisse vor 78 Jahren
gedachten.

Heinz Högerle vom Träger- und Förderverein Ehemalige Synagoge Rexingen stellte in seiner Begrüßung den Betsaal vor, Oberbürgermeister Peter Rosenberger (zugleich stellvertretender Vorsitzender des Synagogenvereins) bezeichnete später das Gedenken „angesichts dessen, was derzeit wieder in der Welt passiert“, als besonders wichtig, „gerade für junge Menschen“.

Zeitzeugenberichte zur Demolierung des Betsaals trugen die Jugendlichen Jan Kölblin, Niklas Gunkel, Rebecca Tillery und Sarah Rigotti sowie Benedict von Bremen und Barbara Staudacher vom Synagogenverein vor. Der Projektchor des Martin-Gerbert-Gymnasiums und der Orgelfreunde intonierte – gemeinsam mit den Besuchern und begleitet von Michael Grüber am Keyboard – das Lied „Erhör, oh Gott, mein
Flehen“, dessen Text Edith Stein zugeschrieben wird (siehe „Heilige Jüdin“).

Zusammenleben …

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts zählte man in der Oberamtsstadt Horb 134 jüdische Bürger – gut fünf Prozent der Gesamtbevölkerung. Das Königliche Ministerium des Kirchen- und Schulwesens in Stuttgart genehmigte 1903 „die Bildung einer selbstständigen israelitischen Kirchengemeinde in der Stadtgemeinde Horb“.

Zehn Jahre später wurde der Sitz des Rabbiners, bis 1911 in Mühringen, angesichts der wachsenden Bedeutung der Horber Gemeinde in die Neckarstadt verlegt, ins Amt verpflichtete man Dr. Abraham Schweizer, nach dem heute der Platz vor dem Betsaal-Gebäude benannt ist. Im Betsaal an der Ihlinger Straße hatte die
Jüdische Gemeinde ihren religiösen Mittelpunkt.

Anfang 1930 verkaufte der damalige Hausbesitzer Rudolf Schwarz (der vier Jahre später nach Holland emigrierte und später in Auschwitz zu Tode kam) das Gebäude für 17000 Reichsmark an Eugen Diesch und dessen Frau Anna, geborene Deifel. Dass das Haus nun im Besitz einer christlichen Familie war, hatte für die jüdischen Mitbürger vorerst keine Bedeutung. Im Kaufvertrag vom 14. Februar 1930 hieß es unter Punkt 8 ausdrücklich: „Die Käufer treten in die Mietverträge mit der Israel Gemeinde … ein.“

… und „Trennung“

Doch die Machtübergabe an die Nazis im Januar 1933 zog bald schlimme Folgen nach sich, mehr und mehr sahen sich die Juden auch in der Neckarstadt Hetzkampagnen ausgesetzt.

Anfang 1939 stellte Hausbesitzer Diesch beim Stadtbauamt den Antrag, die Betsaalräume in zwei Wohnungen umbauen zu dürfen – zwei Monate vorher, am 10. November 1938, hatten SA-Leute und Jungnazis eben jenen Bereich demoliert und geschändet.

Margot Wilde, geborene Schwarz, die heute 95-jährig in Tel Aviv lebt, erinnert sich: „Am 9. November war der Geburtstag meines Vaters. … Ich bin aufgewacht vom Zersplittern von Glas. Durch alle Fenster flogen Steine ins Haus und machten alles kaputt. Mein Vater hatte ein Hobby, er züchtete Kakteen, die auf den Fensterbänken standen. Sie waren die Zielscheiben für die Steinewerfer. Das Geschäft meines Vaters gegenüber war aufgebrochen, und die Stoffballen lagen auf der Straße herum. Früh am Morgen kamen sie und verhafteten meinen Vater. Großvater nahmen sie nicht mit. Er war schon über achtzig. Horb war eine kleine Stadt und jeder kannte jeden. Der Mann, der meinen Vater verhaftet hat, ist
mit ihm aufgewachsen. Sie waren zusammen im Ersten Weltkrieg gewesen. Er sagte zu meinem
Vater: Tut mir leid, aber das ist
ein Befehl.“

Beim Novemberpogrom 1938 wurden, in Horb wie anderswo, die Schaufenster jüdischer Geschäfte eingeschlagen, und zumindest in einem Laden kam es zu Plünderungen. Auch vor dem Gotteshaus der Juden machte die Zerstörungswut keinen Halt, wie Anna Diesch 1946 als Zeugin gegenüber der Staatsanwaltschaft in Rottweil erklärte:

„Am 10. November 1938 kam der verstorbene Herr K. mit Schülern der hiesigen Oberschule vor unser Haus und betrat alsbald durch unseren Hauseingang die Synagoge. Mein Mann, der M. unter der Haustüre den Zutritt zum Betsaal verwehren wollte, sagte mir, als er in die Wohnung zurückkam, K. habe gesagt, dass er wohl wissen würde, was in der vergangenen Nacht vor sich gegangen sei. ... Ein Teil der Schüler hatte inzwischen ebenfalls durch unseren Hauseingang den Betsaal betreten. Ehe mein Mann wieder in den ersten Stock kam – er holte den Schlüssel für die Türe der Synagoge, welche von der Badgasse in den Betsaal führte – hatten die Schüler bereits begonnen, die Gewänder der Juden, die Stuhlkissen, die Fußschemel undsoweiter zu den zuvor geöffneten Fenstern hinauszuwerfen. In der Badgasse wurde von den Außenstehenden alles auf einen Haufen geworfen und das, was im Innern der Kirche noch nicht beschädigt wurde, draußen zerschlagen.“

Danach, erklärte Barbara Staudacher vom Rexinger Synagogenverein am Mittwoch, „jagten sich die Verordnungen, welche die Lage der Juden dramatisch verschlimmerten“. So wurden jüdische Kinder sofort aus den allgemeinbildenden Schulen entlassen und die deutschen Juden zur Zahlung einer so genannten Buße von einer Milliarde Reichsmark verpflichtet. Und: „Mindestens 20 jüdische Männer, Frauen und Kinder aus Horber Familien wurden schließlich 1941 und 1942 in verschiedene Konzentrationslager deportiert.“

Auch Rabbiner Abraham Schweizer wurde ermordet, am 29. September 1942. Obwohl seit 1936 pensioniert, war er in Horb geblieben, bis er im November 1938 verhaftet und zwei Wochen im KZ Dachau gefangen gehalten wurde. Nach Horb kehrte er nicht mehr zurück, weil er dort, wie er einem Verwandten schrieb, „um sein Leben fürchtete“.

Heilige Jüdin

1938, im Jahr der Judenpogrome, bekannte sie sich zu einem lebenslangen Ordensdasein. Edith Stein, Philosophin und Frauenrechtlerin jüdischer Herkunft (1891 in Breslau geboren), war 1922 zum katholischen Glauben konvertiert. Elf Jahre später, im Oktober 1933, trat sie in Köln ins Kloster der Karmelitinnen ein und nahm den Ordensnamen Teresia Benedicta vom Kreuz an. 1937 stellte sie ihre philosophisch-theologische Schrift „Endliches und ewiges Sein – Versuch eines Aufstiegs zum Sinn des Seins“ vor. Im Januar 1939 floh Edith Stein vor den Nationalsozialisten ins Kloster Echt in den Niederlanden. Bei einem Polizeieinsatz gegen Juden, die zum Christentum konvertiert waren, wurden sie und ihre Schwester Rosa am 2. August 1942 in Echt verhaftet – die Aktion galt als Racheakt gegenüber den katholischen Bischöfen, die eine Woche zuvor ein Protestschreiben gegen die Nazi-Besatzer hatten verlesen lassen. Edith Stein, 1998 heiliggesprochen, wurde am 9. August 1942 im Alter von 50 Jahren im KZ Auschwitz-Birkenau ermordet. In Horb hat sie gleichsam einen festen Platz: Auf dem Hohenberg ist der katholische Kindergarten nach ihr benannt.

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11.11.2016, 01:00 Uhr

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