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Urteil im Dönerspieß-Prozess: Sechs Jahre Haft
Der Schwurgerichtssaal im Landgericht Tübingen. Archivbild: Sommer
Richter: „Es war keine Affekt-Tat“

Urteil im Dönerspieß-Prozess: Sechs Jahre Haft

Schwurgerichtskammer verurteilt 31-Jährigen wegen versuchten Mordes zu sechs Jahren Haft.

27.10.2016
  • Dorothee Hermann

Der Angeklagte hatte den damaligen Betriebsleiter der Shisha-Bar an der Blauen Brücke in der Nacht auf den 1. April 2016 mit einem Dönerspieß mehrfach geschlagen und in die Brust gestochen (wir berichteten). Am Donnerstag verurteilte das Schwurgericht Tübingen den Mann wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung zu sechs Jahren Gefängnis. Staatsanwältin Tatjana Grgic hatte neun Jahre Haft gefordert. Der Verteidiger hielt zweieinhalb Jahre Gefängnis wegen gefährlicher Körperverletzung für angemessen.

Der 31-jährige Angeklagte hatte seit November 2015 im der Shisha-Bar benachbarten Imbiss gearbeitet. Im Prozess sei deutlich geworden, dass es zwischen dem Personal des Imbisses und dem von Bar und Club im Blauen Turm Spannungen gab, sagte der Vorsitzende Richter Ulrich Polachowski am Donnerstagnachmittag. Ein Konfliktpunkt war: Wer das Geschirr, die Teller wieder abräumen sollte, nachdem sich Gäste von Bar oder Club aus dem Imbiss Essen hatten kommen lassen. Strittig war auch, ob Imbiss-Mitarbeiter in Bar oder Club hineindurften.

„Es kam uns vor wie ein Nachbarschaftsstreit, bei dem kleine Dinge etwas Ungutes hineinbringen und die Stimmung verderben“, sagte der Richter. „Was am Ende geschieht, hat nicht mehr damit zu tun, was Anlass des Konfliktes war.“

Die Gerichtsverhandlung sei vom Versuch geleitet worden, das Motiv des Angeklagten zu finden, so Polachowski. „Die Empfindung, als Mensch nicht respektiert zu werden, war vielleicht der Anlass für die Tat.“

Als Flüchtling sei der Angeklagte mehrfach aus seinem gewohnten Leben herausgeworfen worden. Womöglich habe sich bei ihm das Gefühl verfestigt, andere begegneten ihm nicht mit Respekt. „Er hat sich provoziert gefühlt.“

An jenem Abend hatte der Angeklagte gearbeitet. Eigentlich war seine Schicht schon zu Ende, aber sein Chef hatte ihn noch nicht abgelöst. Gegen 22 Uhr sei es dann zu einem ersten Vorfall gekommen, so der Richter. Der Angeklagte wollte durch die Bar in den Club, um dort Zigaretten zu holen. Der Betriebsleiter der Bar wollte das nicht und bedeutete dem Angeklagten, er wisse doch, dass er in Arbeitskleidung nicht in den Club dürfe. Der Angeklagte habe aber darauf bestanden.

Die zunächst verbale Auseinandersetzung eskalierte, bis beide ineinander verkeilt waren, so der Richter. Ein Türsteher und ein Gast (ebenfalls mit Türstehererfahrung) gingen dazwischen und trennten die Kontrahenten. Doch unterschwellig war der Konflikt noch nicht vorbei, sagte der Richter. „Es gärte im Angeklagten. Er fühlte sich erneut als Person nicht respektiert.“ Deshalb habe er sich entschlossen, die Demütigung wettzumachen und den Betriebsleiter der Bar anzugreifen.

Gegen Mitternacht hatte der Betriebsleiter die Außentische der Bar abgeräumt und sich mit einem Tablett voller Gläser und einer Shisha wieder nach drinnen begeben. Zuvor schaute er sich noch nach dem Angeklagten um, hatte vielleicht ein ungutes Gefühl, sagte der Richter. Doch in der Situation habe er nicht mit einem Angriff gerechnet.

Der Angeklagte sei dem anderen gefolgt, den Dönerspieß zunächst seitlich verborgen. „Er hat dem Betriebsleiter von hinten einen Schlag versetzt.“ Als sich das Opfer nach dem ersten Schlag, den er für eine unbeholfene Begrüßungsgeste hielt, umdrehte, hieb ihm der Angeklagte sofort mindestens ein Mal den Dönerspieß auf den Kopf. „Es folgte ein weiterer Schlag auf den Kopf und mindestens vier weitere Schläge gegen Schulter und Rücken“, so Polachowski. Weitere Hiebe gegen Arm und Hand habe das Opfer abwehren können. Als der Mann sich umdrehte, stach der Angeklagte ihm den Dönerspieß in die Brust. Die etwa drei Zentimeter tiefe Wunde blieb glimpflich, weil der Bar-Betriebsleiter durch Training eine gut ausgebildete Brustmuskulatur hatte.

Er erlitt einen Schädelbruch, konnte sich aber trotz seiner schweren Verletzungen auf den Angeklagten stürzen. Wieder mussten Dritte dazwischen gehen. „Der Dönerspieß musste dem Angeklagten entrissen werden“, sagte der Richter. „Wenn ich mit einer ein Kilo schweren, fast einen Meter langen Metallstange zuschlage, dann weiß ich, dass ich mit solchen Schlägen jemanden töten kann“, ergänzte er. „Dass es nicht dazu gekommen ist, ist purer Zufall.“ Der 31-Jährige habe verschiedene gefährliche Handlungen ausgeführt. Jede für sich hätte tödlich sein können. „Es war keine Affekt-Tat“, so der Richter. Der Angeklagte habe sich bewusst von hinten an das Opfer herangeschlichen.

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27.10.2016, 18:00 Uhr

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