Horb · Experimentieren

Wie klingt ein Kaktus?

Stephanie Müller und Klaus Dietl gastieren mit einem Klangstudio im Horber Künstlerhaus und laden zum Mitmachen ein.

07.01.2020

Von Manuel Fuchs

Klaus Dietl (am Sythesizer) und Stephanie Müller haben im Horber Künstleraus ein Klangstudio eingerichtet. Bild: Karl-Heinz Kuball

Gespannte Ruhe, ja: Stille beherrscht das Klangstudio im Horber Antonie-Leins-Künstlerhaus. Stephanie Müller klemmt ein Mikrofon an den Kaktus, Klaus Dietl regelt das Mischpult ein und startet die Aufnahme. Das Ohr erwartet ein hell-hartes „Doiinng“ der gezupften Stacheln, tatsächlich erfasst das Mikrofon darüber hinaus deutliches Blubbern und Glucksen. „Das kommt von dem vielen Wasser im Kaktus“, erklärt Stephanie Müller.

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Die Musikerin hat sichtlich Spaß daran, neue Geräusche zu entdecken, sie zu kombinieren und zu großen Stücken zusammenzufügen. Am vergangenen Freitag und Samstag waren dazu gleichgesinnte Experimentierfreunde ins Künstlerhaus eingeladen – denn je mehr Hände und je mehr Ohren experimentieren, desto vielversprechender werden die Ergebnisse.

Am Freitag entspann sich eine lange Session im kleineren Kreis, am Samstag fanden knapp 20 Gäste den Weg nach Horb: Diet Rahlfs aus Schiltach, Alterspräsident der Runde, hatte die weiteste Anfahrt . Aber auch Kinder aus der näheren Umgebung probierten sich ohne Scheu an Instrumenten und Geräuscherzeugern aus. Theaterfrau Dorothee Jakubowski aus Dettingen experimentierte mit Klang und Text, andere reicherten den Vortrag mit weiteren Klangspuren an. Das Ergebnis ergab – in Stephanie Müllers Worten – „ein Stück irgendwo zwischen Hörspiel und verträumt-düsterem NDW-Song“.

Gemeinsam Musik zu machen, ohne sich ein Korsett von Tonarten, Partituren, niedergeschriebenen Pflichten und traditionellen Hörgewohnheiten umzuschnüren – dieser Gedanke steht hinter dem Klangstudio.

Der Dettinger Bildhauer Josef Nadj hat Verschnittmaterial spendiert: steinerne Streifen, jeweils auf zwei Schnüre gelegt, tönen viel melodischer, als man es erwarten könnte. Eine alte Schulklingel, ein Wok, ein Tischtennisschläger, eine Gummiband-Zither, sogar eine Nähmaschine und vieles mehr dienen als Instrumente für ein ewig lebendiges und sich sekündlich erneuerndes Projekt.

Klaus Dietl richtet die Mikrofone aus, pegelt die Aufnahmen ein, erfasst Samples, speist den Synthesizer damit, legt sie übereinander und nebeneinander, um das Durcheinander, das sich zwangsläufig im ersten Versuch ergibt, zu ordnen. Alexander von Humboldt, ein deutscher Forscher des 18. und 19. Jahrhunderts, formulierte das Prinzip, mit endlichen Mitteln eine unendliche Vielfalt zu schaffen. Er dachte dabei mit großer Wahrscheinlichkeit nicht an das Klanglabor im Horber Künstlerhaus, aber genau dort wird dieser Gedanke hör- und erlebbar.

Wer sich selbst einmal dem Abenteuer „Geräuschmusik“ nähern möchte, hat dazu noch eine Weile Zeit: Das Studio wird voraussichtlich noch bis Oktober im Künstlerhaus gastieren. Allerdings ist es nicht durchgehend besetzt; für Terminabsprachen bittet Stephanie Müller um eine Mail an steffi@beisspony.com.

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Erstellt:
7. Januar 2020, 17:23 Uhr
Aktualisiert:
7. Januar 2020, 17:23 Uhr
zuletzt aktualisiert: 7. Januar 2020, 17:23 Uhr

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