Digitalisierung

In der Halle des Avatar

Baden-Württemberg kämpft um seine technologische Spitzenstellung. Es geht um eine europäische Antwort auf die Branchen-Riesen.

27.08.2019

Von JENS SCHMITZ

In der „Capture Hall“: Der Rechner fertigt zunächst eine Grobdarstellung. Foto: Jens Schmitz/swp

In der „Capture Hall“: Der Rechner fertigt zunächst eine Grobdarstellung. Foto: Jens Schmitz/swp

Tübingen. Das Büro von Michael Black sieht nicht aus, wie man sich eine Brutstätte für Künstliche Intelligenz (KI) vorstellt: Zeitlose Holz- und Ledersessel verbreiten Wohnlichkeit. Der Blick geht durch bodentiefe Fenster über Tübingen und die Schwäbische Alb. „In Palo Alto hatte ich ein Panorama über die Bucht von San Francisco“, erinnert sich der 57-Jährige. „Mein Hauptinteresse besteht darin, Computer dazu zu bringen, dass sie uns wahrnehmen“, sagt Black. „Damit meine ich: dass sie uns verstehen – unser Verhalten, unsere Mimik, unsere Gesten, unsere Ziele.“

Black gehört zu den weltweit renommiertesten Forschern im Bereich der Computervision. Seine Geldgeber heißen Intel, Nvidia, Adobe oder Facebook; seine Karriere ist eine Aneinanderreihung von US-Eliteuniversitäten. Verlassen hat er sie für die schwäbische Provinz: Black ist heute Co-Direktor des Tübinger Max-Planck Instituts für Intelligente Systeme, wo er die Abteilung für Perzeptive Systeme leitet. Er ist außerdem Sprecher des 2016 gegründeten Cyber-Valley. Seine Aufgabe: eine europäische Antwort zu finden auf die Konzentration der Branche in den USA und in China.

„Künstliche Intelligenz ist die Schlüsseltechnologie für die Wertschöpfung der Zukunft“, sagt Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU). „Wenn wir von diesem Wachstum profitieren wollen, muss ,KI made in Baden-Württemberg? zur Marke werden.“ Das ist leichter gesagt als getan. Im vergangenen Jahr hat sich eine 100-köpfige Delegation unter Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) im kalifornischen Silicon Valley die Dynamik aus schier unerschöpflichem Kapital und geballter Kompetenz angeschaut. „Was nehmen wir da raus, damit wir uns nicht erschießen müssen, wenn wir nach Hause kommen?“, grübelte Kretschmann, zeitweise tief irritiert. Gibt es überhaupt eine Chance, Marktriesen wie Google einzuholen?

Projekte zur KI gibt es quer durch Baden-Württemberg. Der Brennpunkt liegt aber im Cyber-Valley: Unter diesem Namen arbeiten seit Ende 2016 verschiedene Partner am Aufbau eines international konkurrenzfähigen KI-Standorts. Gefördert vom Land und vier Stiftungen gehören dazu die Max-Planck-Gesellschaft, die Universitäten Stuttgart und Tübingen sowie die Unternehmen Amazon, BMW, Bosch, Daimler, Porsche, ZF Friedrichshafen und die VW-nahe Ingenieurgesellschaft Auto und Verkehr (IAV).

Im ersten Schritt werden 165 Mio. EUR investiert, um neue Gebäude zu errichten und Spitzenwissenschaftler anzuwerben. Die räumliche Nähe auf einem Hügel in Tübingen soll direkten Austausch befördern. Zweieinhalb Jahre nach seiner Gründung ist Cyber-Valley in Europa der größte Forschungsverbund zum Thema KI. „Diese Region hat die höchste Dichte an Software-Entwickler in Deutschland“, ergänzt Black. Bosch hat einen eigenen Campus angekündigt, auf dem bis zu 700 Experten arbeiten sollen. Amazon will in Tübingen ein Forschungszentrum für 100 Mitarbeiter errichten.

2017 erwarb die Firma das von Black vier Jahre zuvor gegründete Unternehmen Body Labs. Es ist auf 3D-Erfassung des menschlichen Körpers spezialisiert. Blacks Forschung im Cyber-Valley konzentriert sich inzwischen auf die vierte Dimension: Er möchte den menschlichen Körper in der Zeit erfassen und nachahmen können, also seine Bewegung.

Lebensart als Standortfaktor

Vier Stockwerke unter seinem Büro befindet sich dafür die „Capture Hall“, ein Saal mit riesigen Scannern, die in dieser Konfiguration Blacks eigene Schöpfung sind. „Ich mache jetzt eine Yoga-Pose, dann springe ich mal“, verkündet eine blonde Frau in Sportkleidung. Projektoren werfen ein kleinteiliges Orientierungsmuster auf ihren Körper, 66 Kameras sind darum herum postiert. Die Bilder werden von Rechnern zu einer 3D-Darstellung montiert; später wird daraus ein realistischer Avatar.

Politisch betreut wird Cyber-Valley von Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne). Bauer glaubt nicht, dass es eine Option ist, sich der Technologie zu verweigern: Wer in diesem Bereich zurückfalle, überlasse die Diskussion über Wertestandards anderen Weltregionen. „Zwischen dem marktgetriebenen US-Modell und dem chinesischen autoritären Modell brauchen wir eine europäische Antwort.“

Dafür muss man allerdings Spitzenkräfte in die Provinz locken. Bei ihrer Nordamerika-Tour 2018 haben die Baden-Württemberger dafür ein Vorbild gefunden: die nationale KI-Strategie in Kanada und ganz besonders den Erfolg des „Vector Institute“ in Toronto. Die renommierte Einrichtung behauptet sich bei der Talent-Rekrutierung erfolgreich gegen die Konkurrenz an den Hotspots der USA – mit Trümpfen, die Tübingen auch bieten kann. „Lebensart und Forschungschancen“, fasst Black sie bündig zusammen.

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Erstellt:
27.08.2019, 06:00 Uhr
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zuletzt aktualisiert: 27.08.2019, 06:00 Uhr

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