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Wiesenstetten/Nordschwarzwald

Gefahr durch Wölfe: „Als letzte Möglichkeit bleibt der Abschuss“

Friedrich Noltenius spricht am Mittwoch in Wiesenstetten über „Strategien zum Umgang mit dem Wolf“. Den Schutz der Weidetiere im Nordschwarzwald hält er für schwierig umsetzbar.

19.02.2019

Von Frank Wewoda

Friedrich Noltenius, 65-jähriger Pensionär und „seit 50 Jahren aktiver Jäger“, jahrelang mit eigenem Revier, betreibt eine Datenbank über Wolfsvorkommen und Risse, siehe „Wolfskarte“ unter www.wnon.de Privatbild

SÜDWEST PRESSE: Ein Wolf geht um im Nordschwarzwald – wie viel Schaden richtet er an und wie wahrscheinlich wird daraus ein Rudel?

Friedrich Noltenius: Wenn ein Rüde, also ein männliches Tier, den Weg in den Nordschwarzwald findet, kann dies auch ein weibliches Tier schaffen. Beim Wolf in Bad Wildbad sprechen wir seit 2017 über vier Rissereignisse, also Attacken, mit 49 zu Tode gekommenen oder vermissten Tieren. Nicht jedes Tier übt so viel Zurückhaltung wie dieser Enztalwolf, der aus dem Kerngebiet der Lüneburger Heide stammt, wie genetisch nachgewiesen wurde.

Allein für das Jahr 2018 gehen auf seine Schwester, die sich als Einzelwölfin am Nordrand des Ruhrgebiets niedergelassen hat, 20 Rissereignisse zurück mit 93 zu Tode gekommenen oder vermissten Tieren. Gegen eine Rudelbildung hier in der Gegend spricht, dass der Schwarzwald kein bevorzugter Lebensraum von Wölfen ist, die in Deutschland aufwachsen. Die Ansiedlung wird daher eine rein zufällige sein. Wenn sich ein Wolf ansiedelt, der das Erbeuten von Schafen in einem Rudel gelernt hat, dann können die Auswirkungen fatal sein.

Wie viele Wölfe leben denn allgemein in Deutschland?

Der Wolfsbestand ist bereits so hoch hierzulande, dass ich gerade dem 100. Vorkommen den Rudelstatus gegeben habe. Ein Rudel ist zwischen acht und zehn Wölfe stark und besteht aus Elterntieren und Jungtieren des laufenden und des vorangegangenen Jahres.

Und wie können sich Viehhalter schützen?

Es gibt in vielen Landschaften die Möglichkeiten, die Schäden zu minimieren, allerdings halte ich das hier in der Landschaft des Nordschwarzwalds mit seinen tief eingeschnittenen Wiesentälern für praktisch unmöglich. Zäune helfen allgemein nur bedingt, denn irgendwann sind der Hunger und die Intelligenz der Wölfe stärker als jeder Zaun.

Wie hoch Hunde springen können, ist den meisten bekannt. Ein wolfssicherer Zaun wäre ein Zaun, wie wir ihn bei Gehegen in Zoos kennen, also unmöglich in die Landschaft zu bauen. Der Nordschwarzwald ist zudem geprägt durch Wälder mit Steilhängen bis an die Wiesenkanten, das ist nicht zu verteidigen oder zu schützen. Es gibt hier auch einen Grundkonflikt zwischen unterschiedlichen Naturschutzzielen. Amphibien und Bodenbrüter, aber auch größere Arten wie Rehe und Rotwild meiden die eingezäunten Gebiete oder verfangen sich in den Zäunen. Der Herdenschutz mit Zäunen oder Hunden ist zudem sehr teuer und sehr arbeitsaufwendig.

Wie und wann sollte dann gehandelt werden?

Es leben sehr viele Wölfe in Deutschland, die mit dem Reißen von Nutztieren gar nichts zu tun haben, das ist dann tolerabel. Wenn aber sehr regelmäßig Weidetiere gerissen werden, dann haben wir als Menschen die Pflicht einzugreifen. Bei einzelnen Wölfen, die sich auf Weidetiere spezialisiert haben als Nahrungsquelle, bleibt im Zweifel der Abschuss als letzte Möglichkeit. Der Wolf ist zwar eine streng geschützte Art, aber wir haben auch andere schützenswerte Dinge in unserer Landschaft. Wenn es tatsächlich Wölfe gibt, die erkennbare und dauerhafte Schäden anrichten, dann ist es vernünftig genug, das nicht zu tolerieren.

Wie ist die rechtliche Lage
beim Abschuss?

Die Situation ist rechtlich sehr schwierig. Bis heute ist aus Gründen des Herdenschutzes in Deutschland noch kein Wolf abgeschossen worden. Es gibt derzeit zwei Abschussverfügungen, eine in Schleswig-Holstein, eine in Niedersachsen, gegen die Wolfsschützer rechtlich vorgehen. In Niedersachen ist die Verfügung meines Wissens ausgesetzt und wird beim Verwaltungsgericht geprüft. In Schleswig-Holstein ist die Abschussverfügung noch gültig, weil die dort angerichteten Schäden so gravierend waren. Für eine Abschussverfügung ist eindeutig nachzuweisen, dass ein bestimmter Wolf einen den Regeln entsprechenden Schutz überwunden hat. Diese Nachweise für Individuen zu führen, das sind nicht zu niedrige Klippen.

Wieso werden Sie auch als Wolfshasser bezeichnet in den Medien?

So werde ich nur von Leuten bezeichnet, die das Thema nicht verstanden haben, weil die sich ausschließlich Gedanken machen um Wohl und Wehe des Wolfs an sich. aber nicht über die Folgen. Der Wolf fällt unter das Thema Artenschutz. Artenschutz kann man jedoch immer nur für alle Arten gemeinsam betreiben.

Wie emotional verhalten sich die Menschen bei Veranstaltungen wie der in Wiesenstetten?

Das ist sehr unterschiedlich und hängt stark von der Moderation ab. Gerade dort, wo das Problem neu ist und noch nicht so richtig greifbar, da reagieren die Leute eher angefasst und emotional, was verständlich ist. Dagegen habe ich eine Diskussion im Kreis Pinneberg im November erlebt, bei der sich die Leute unglaublich diszipliniert verhalten haben. Ein emotionales Thema verlangt von den Leuten vor allem Disziplin.

Wie gravierend ist das Problem im Kreis Pinneberg?

Im Gebiet um Pinneberg sieht es böse aus. Seit Frühjahr 2018 waren hier 232 Nutztiere in zwei Gebieten betroffen von Attacken laut meinen Statistiken. Untersuchungen haben ergeben, dass hier Jungwölfe eingewandert sind, die nicht aus einem deutschem Rudel kamen, sondern aus Dänemark stammten. Die fressen sich munter durch dieses Bundesland. Schleswig-Holstein liegt nach meinen Statistiken an der Spitze der durch Wölfe verursachten Schäden. Doch das ist normal, wenn der Wolf in eine Gegend kommt, in der wenig Rehe, Wildschweine und Hirsche leben, dafür aber sehr viel Weidetierhaltung betrieben wird. Dort muss es dann zwangsläufig passieren, dass der Wolf dableibt und dass er seine Diät auf Schaf und Kalb umstellt.

Tagung in Wiesenstetten

Am Mittwoch, 20. Februar, von 13.30 Uhr bis 16.30 Uhr veranstaltet der Landesbauernverband gemeinsam mit den Bauernverbänden Calw, Freudenstadt und Zollernalb eine Vortrags- und Diskussionsveranstaltung zum Thema „Wolf und Weidetierhaltung“im Dorfgemeinschaftshaus Wiesenstetten. Referenten sind dort neben Friedrich Noltenius, Experte für Wolf und Naturschutz (siehe Interview), auch Felician Schäfer von Bioalb Weidefleisch, dessen Vortrag den Titel trägt: „Welche Probleme kommen auf die Mutterkuhhaltung künftig zu?“ Dr. Micha Herdtfelder von der forstlichen Versuchsanstalt, Freiburg, stellt staatlich geförderte Maßnahmen zum Herdenschutz vor, während Isabel Küperkoch vom Unternehmen LBV Unternehmensberatungsdienste skizziert, welche durch Wildtiere wie den Wolf verursachten Schäden durch Versicherungsschutz abgedeckt werden können und was Versicherungsnehmer zu beachten haben. Den Abschluss der Veranstaltung bildet eine Podiumsdiskussion

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Erstellt:
19. Februar 2019, 14:30 Uhr
Aktualisiert:
19. Februar 2019, 14:30 Uhr
zuletzt aktualisiert: 19. Februar 2019, 14:30 Uhr

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